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Das Leben einer Pflanze

Heute haben wir gemerkt, dass nach etwa 6 Stunden arbeiten jegliche Konzentration, Kraft und Elan schwindet und wenig produktives herauskommt. Zum Vergleich: in den ersten 90 Minuten hab ich 14 Weinstöcke geschafft – in den letzten 45 Minuten drei Weinstöcke. Hab glaub ich noch nie so hart gearbeitet und wir beide wären willig lieber nochmal Abi zu machen, als diesen Job drei Wochen durchzuziehen. Dazu kommt, dass ich in 9 Tagen etwa doppelt so viel gelaufen bin wie in meinem ganzen Leben zuvor (Wehe ich bin nicht super schlank in ein paar Wochen!)
Nach diesen 6 Stunden kommen auf einmal ganz neue Gedanken auf: Haben Pflanzen Gefühle? Tue ich ihnen grad weh? Sind Pflanzen männlich oder weiblich? Eigentlich doch weiblich, sie tragen doch Blüten?
Nachdem man dann etwa zwei Stunden lang jegliche Aspekte des Pflanzendaseins erst im Kopf und dann laut mit Thesi ausgetauscht hat, kommt man wieder zu Ruhe und beschließe, dass Pflanzen keine Gefühle haben. Vielleicht.
Außerdem freut man sich bei jeder neuen Entdeckung riesig. So hab ich heute, glaube ich, Spinneneier gesehen. Sie sind etwa Fingernägel groß und kreisrund! Und ein Stück Ast, was aussah wie eine Eidechse hab ich auch gesehen. Wie gesagt, die Langeweile..
In diesen 8 Stunden durchleidet man viele Gefühle, aber vorallem Aggression und Abneigung gegenüber von Weinbäumen. So fallen oft harte Beleidigungen gegenüber der armen Pflanze aus und das auf vielen verschiedenen Sprachen. In kurzen Abständen hört man immer jemanden auf dem Feld fluchen. Apropos Sprachen: hier sind so viele verschiedene Nationalitäten vertreten – Engländer, Franzosen, Belgier, Amerikanern, Finnen, Deutsche ..

Gegen Mittag stellten wir uns die Frage, wie warm es wohl sei. Hier ist ja grad Winter und in der Früh sind es bestimmt grade mal 6°C. Gegen Mittag ist es aber so unglaublich warm. Jeder normale Deutsche würde bei der Hitze schon auf dem Weg zum nächsten Freibad oder an den Strand sein. Also schaute ich im Internet nach der aktuellen Temperatur. Zuerst dachte ich, ich hätte mich verguckt und ließ Thesi zum Spaß raten. Sie blieb in dem oberen Bereich der 20Grad, also so bei 29Grad. Dabei waren es grad mal 14°C!!!!!!
14°C!!!!!
Wie warm sind dann bitte 38Grad, wie sie es grad in Darwin sind? Irgendetwas stimmt mit der australischen Sonne nicht und deshalb beschlossen wir schnell, nicht in Darwin Mangos zu ernten, da dort bestimmt gefühlte 60Graf sind. Ich weiß eh nicht was ich hier will. Eigentlich finde ich Temperaturen über 19Grad schrecklich und der Winter ist meine Lieblingsjahreszeit mit Schnee, Kälte und Dunkelheit. Das kann ja noch was werden…

Da es jetzt grad draußen dunkel ist, nutze ich die Zeit zum Schlafen. Keine Ahnung wie ich den nächsten Tag überleben soll. Hab schreckliche Rückenschmerzen und Handschmerzen. und… Muskelkater im Bauch? Keine Ahnung wie ich das hinbekommen hab!
Gute Nacht, xoxo

really hard working girls

Hey guys.
Heute war der Arbeitstag besser. Uns wurden zwar wieder ziemlich kurzfristig Bescheid gegeben, dass es in 2 Minuten los ginge, desswegen hatten wir zum Frühstück wieder nur Zeit für ein trockenes Toast. Unser Essen bildet sich übrigens ausschließlich aus Toast, Suppe, Cornflakes, Nudeln und Snickers.
In 8 Stunden auf dem Feld hab ich heute 90 Weinstöcke geschafft. Gestern nur 54! Also eine ziemliche Steigerung. Glaub aber nicht, dass ich noch mehr am Tag schaffe, weil das wirklich schon hart am Limit meiner Kräfte ist und es sich nicht lohnt für den minimalen Lohn ans komplette Ende seiner Kräfte zu kommen.
Hier seht ihr einmal ein Vorher-Nachher Bild. Als Weinstock wird das gezählt, was zwischen den Holzstämmen ist. Es ist also echt groß.. Eine Reihe hat 77 Weinstöcke und es fühlt sich an wie mindestens 1000 Stück.

Der Besitzer der Farm hat mich sehr für meine Arbeit gelobt, da ich so flott bin. Andere schaffen am Tag grad mal so 20 Pflanzen.. Keine Ahnung was die so nebenbei machen. Schlafen?

Viel mehr spannendes ist heute nicht besonders passiert. Wir haben unsere erste warme Mahlzeit seit Tagen zu uns genommen, wobei es sich um ein Instanznudelsuppe handelte und gestern sind wir in ein anderes Zimmer gezogen. Mein Bett ist wirklich sehr bequem und nach der Arbeit geh ich erst kurz duschen um den ganzen Dreck abzuwaschen und dann leg ich mich schön aufs Bett um alle Rückenmuskeln zu entspannen. Außerdem hatten wir heute unseren ersten Medizinischen Notfall und ich hatte wiedermal die Chance zu beweisen, dass ich kein Blut sehen kann. Thesi hat ein Splitter im Finger und wollte, dass ich ihn entferne. Nö, lieber Bettaisodonna und ein Pflaster drauf kleben. (Das hat mir Papi so beigebracht).
Allgemein lässt sich sagen, dass die Wichtigkeit des äußeren Erscheinungsbild nachlässt. Nagellack wurde entfernt und Schminke sogut wie gar nicht mehr benutzt. Wozu auch?

Ausruf zur Spendenaktion

Der Tag hätte so gut werden können.. – dann kam morgens um 8 aber eine Amerikanerin, die wirklich schon am Tag zuvor sehr nett zu uns war, in mein Zimmer gehüpft und bereitete mir die freudige Nachricht, dass wir spontan doch einen Job haben und in 20minuten losfahren. Super, also innerhalb von 5 Minuten fertig gemacht (auf schminken wurde verzichten) und ein lecker australisches Toast mit lecker australischer Marmelade gegessen und los gings.
Als Job kann man sich nichts schöneres vorstellen: Weinpflanzen beschneiden, Äste herauszerren und die übrig gebliebenen Äste, nach einer bestimmten Technik und unter Beobachtung, um Draht wickeln.
Jaha, klingt jetzt einfach oder? Ich tausche gerne mit Freiwilligen gegen jegliche andere Art von Arbeit. Glaube nicht dass irgendetwas anderes schlimmer sein könnte.

Nach 7, 5 Stunden Arbeit sehen meine Hände unglaublich demoliert aus. Überall bluten sie, sind trocken und es haben sich Blasen gebildet. Weil man durchgehend nach oben schaute, kann ich nicht mehr meinen Kopf senken ohne schreckliche Schmerzen. Von meinem Rücken muss ich erst gar nicht anfangen zu reden. Hinzu kommt die australische Sonne, die schnell auf etwa mindestens 35ºC erwärmt.
Aber das aller aller schlimmste daran ist diese ewige Stille. Man hat so viel Zeit nachzudenken, was ich mittlerweile übrigens schon halbwegs auf englisch tue.
Übrigens habe ich in 7,5 Stunden schneller! Schwerstarbeit etwa 35 Euro verdient. Das macht einen Stundenlohn von 5 Euro. Wenn ich Glück habe, hab ich in drei Wochen die Kosten für den Flug nach Mildura und die Finanzierung von diesem Hostel in der Tasche.
Also:
Für Spenden ans Hilfskonto des Anna Instituts bitte Kontakt aufnehmen oder nähere Informationen bei der Familie anfordern.

Jetzt kommen wir zum positiven Teil des Tages: Ich hab ein wildes Tier gesehen!! Leider immernoch kein Kängero oder Wombat, sondern….
ein….
..
….
Pelikan!!!!
Der flog einfach so über unser Feld! Ein Pelikan!!!!!!!!!

In diesem Sinne: gute Nacht! Bin völlig erledigt und beim Gedanken morgen früh aufzustehen und ohne Kraft in der Hand eine Gartenschere zu bedienen, graust es mir.
Küsschen

Mildura – vielleicht verhungern wird doch

So ging es also mit dem Flugzeug von Sydney nach Mildura. („Flugzeug“ – es war eher ein Auto mit Flügeln und .. PROPELLERN! Insgesamt waren 23 Personen an Bord. 20 Passagiere, 2 Piloten und eine Stewardess. Wir befanden uns nicht höher als geschätzte 800m über dem Boden und man kann in die Pilotenkabine reinschauen. Die Sitze fallen halbwegs auseinander, es ist so kalt, als wäre hier irgendwo ein Loch in der Wand. Deshalb sind wohl alle 20 Passagiere in Wolldecken eingehüllt. Außerdem ist es so laut, dass Thesi und ich uns anschreien müssen um uns zu verstehen. Anscheind hat die Fluggesellschaft nicht soo viel Geld für Equipment. Die Tickets sahen aus wie ein sparsam bedruckter Kassenbon und man bekommt keine Becher für das Trinken. Jetzt wissen wir auch endlich, warum unser Gepäck nur so leicht sein durfte.)
Bei dem Start hatte nicht nur Thesi Angst, auch ich war ein klein wenig nervös bei dem Anblick von einem 5m langem Flugzeug. Da wir beim Flug ja nicht so hoch über dem Boden waren, konnte man jedes kleinste Detail erkennen und auch endlich die Ansätze des Outbacks!
Die Landung war auch sehr gewagt. Dachte zuerst, dass wir mitten im roten Outback landen, konnte dann aber doch Asphalt entdecken. Bin aber trotzdem der Meinung, dass wir auf dem Sand aufgesetzt haben! Nach einer ziemlich scharfen Bremsung entdeckte man den „Flughafen“. Dabei handelte es sich lediglich um eine asphaltierte Straße und einen Schuppen. Und es gab ein Gepäckband, was draußen war :).
Jetzt sitzen wir in unserem Hostel in Mildura .. Ich würde euch gerne erklären wie es hier ist und wie es aussieht, aber ich kann es einfach nicht in Worte fassen. Fangen wir mal mit dem Örtchen Mildura an:
Wir haben Asien (Sydney) verlassen und befinden uns nun in Amerika. Der Ort ist wirklich süß, die Straßen in kreuzform angelegt und die Häuser sind ziemlich flach. Mich erinnert das sehr an eine Stadt aus dem wilden Westen. Geschäfte sind nach Art sortiert. In der einen Straße befinden sich nur Banken, in der andere die Einkaufsläden und in einer anderen nur Bäcker. Überall stehen Palmen und bei unseren netten 18 Grad ist es sehr angenehm (in der Sonne sind etwa 34°C!!!).Aber kommen wir jetzt zum Hostel. Zu allererst wollte ich wieder rausrennen. Wir bekamen Besteck und Geschirr und uns wurde gesagt, dass wir dieses wie unser Leben beschützen sollen. Ok, dachte ich.
Beim Anblick von dem ersten Zimmer was wir zu Gesicht bekamen, dachten wir es sei ein schlechter Scherz. Erwies sich leider als kein Scherz, sondern das komplette Hostel durchzieht eine Struktur. (Ich versuche es nun wirklich in Worte zu fassen, es ist aber einfach immer noch viel zu untertrieben):
- Überall liegen Klamotten rum, einfach ÜBERALL, auch auf dem Flur
- Die Küche ist ein einziges Schlachtfeld (liebe Mami, du würdest jedem einzelnen kleine Geschirr- und Müllhäufchen machen, die er einzeln wegräumen darf)
- Wir haben Mausefallen entdeckt
- Überall stehen leere Bierflaschen und andere undefinierbare Dinge rum und ich würde am liebsten das ganze Hostel ab- und durchwischen (bin mit meinem Flipflop auf dem Klo kleben geblieben (angeblich soll jeden Morgen gewischt werden!))
Und leider muss ich sagen, dass egal wie unglaublich!!! eklig es auch sein mag, die Atmosphäre wirklich toll ist in dem Hostel. Viele sind schon seit einigen Monaten hier und daraus hat sich so etwas wie eine Familie entwickelt, die uns herzlich aufgenommen hat.

Wünscht uns Glück, dass wir die Nacht überleben und bald endlich Australien kennenlernen. Hab immer noch nicht das Gefühl angekommen zu sein.
P.S.: Unser Job wurde für morgen gecancelt! Ein weiterer toller Tag findet einen guten Abschluss!

Noch in unserem geliebten Wakeup Hostel in Sydney:
Über den Wolken:

müssen doch nicht mehr verhungern!

Two hard working german girls looking for a job. Jaja, „Hard working“.
Aber so hat es geklappt und wir haben nach 20 Emails und 35 Anrufen nun tatsächlich einen Job!!!! Morgen früh fliegen wir in den Süden von Australien nach Midurah, da wir Montag anfangen sollen zu arbeiten. Wir arbeiten auf einer Weinplantage und leben in einem Hostel für 150 $/w. Bis wir die Kosten für den Flug, den wir grad im Wlan bei Mcdonalds gebucht haben, wieder drin haben dauert es Wochen, aber was solls. Den Job haben wir nun für 3 Wochen sicher und dann will uns die nette Besitzerin weiterleiten. Mal sehen was auf uns zukommt. Bei fruitpicking wird man nämlich nach Körben bezahlt, also wie viel man schafft an einem Tag zu ernten und so schnell wollten wir ja eigentlich nicht wieder durch die Weltgeschichte fliegen..
Zusätzlich haben wir uns heute das Sea Life Aquarium von Sydney angeschaut und so einige tropische, knallbunte oder hässliche Meeresbewohner gesehen. Einige darunter waren auch groß, weiß und hatten spitze Zähne – die Tiere gibt’s ja übrigens wirklich alle hier an den Küsten und im Great Barrier Reef..
null
P.s. das Bild entstand bei Mcdonalds nachdem wir den Flug gebucht haben.
Die Australier sind ja hier sehr entspannt und leben nach dem Prinzip „don‘t worry & keep chilling“. Diese Handbewegung (man wackelt die Hand) soll das Hakuna Matata Lebensgefühl widerspiegeln – wollten wir mal ausprobieren